Behandlung

Kein Tinnitus gleicht dem anderen. Deshalb muss für jeden Betroffenen ein geeigneter Therapieweg gefunden werden. Ziel jeder Behandlung ist es, dass die Patienten lästige Geräusche gar nicht beziehungsweise nicht mehr so stark und störend wahrnehmen. Spezialisten sprechen in diesem Zusammenhang von der "Abkoppelung unerwünschter Signale". Diese Abkoppelung kann im chronischen Stadium aber bislang nicht durch pharmakologische Intervention herbeigeführt werden. Erforderlich ist vielmehr ein ganzheitlicher Ansatz, der neben der therapeutischen Kompetenz eine kontinuierliche und aktive Mitarbeit des Patienten voraussetzt.

Tinnitus hat häufig eine konkrete Ursache (beispielsweise ein Lärmtrauma), die oft mit einer Schädigung von Haarzellen im Innenohr einhergeht. Zu irgendeinem Zeitpunkt jedoch kommt es zu einer Verselbstständigung des Tinnitus. Dann gelingt es dem Gehirn nicht mehr – anders als üblicherweise bei anderen, unwichtigen Hintergrundgeräuschen – akustische Informationen aus der Wahrnehmung auszublenden. Der Tinnitus kommt somit nicht "aus dem Ohr", sondern er findet "zentral" statt – nämlich im sogenannten Limbischen System, dem Sitz unseres Gefühlslebens, und im autonomen Nervensystem und Hörcortex. Aus diesem Grund kann ein Tinnitus auch dann noch weiter bestehen, wenn der Hörnerv durchtrennt wurde und gar keine Schallsignale mehr vom Ohr zum Gehirn weitergeleitet werden können.

Chronischer Tinnitus lässt sich also nicht einfach "ausschalten". Allerdings zeigte sich, dass Betroffene lernen können, ihn neu zu bewerten, so dass sie ihn nicht mehr so intensiv wahrnehmen und die negativen, tinnusbezogenen Gedanken und Gefühle abnehmen. Ziel ist somit die Gewöhnung an den Tinnitus (Habituation) und seine Beherrschung im Alltag. Glücklicherweise funktioniert diese Verdrängung aus dem Bewusstsein unabhängig von der möglichen Ursache.

Die Tinnitus-Behandlung verspricht keine Heilung, sie kann aber dazu beitragen, die Lebensqualität der Patienten entscheidend zu verbessern. Ein Erfolgsfaktor ist, dass Betroffene nicht länger passiv Leidende sind, sondern aktiv etwas zur eigenen Gesundung oder Gesundheitsverbesserung beitragen können.

Doch was so einfach klingt, erfordert neben großem Engagement vor allem viel Einsicht und noch mehr Geduld: Üblicherweise dauert eine Tinnitus-Therapie zwölf bis 24 Monate. In jedem Fall ist der Erfolg eine Teamleistung, bei der Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Orthopäden, Neurologen und Hörgeräteakustiker interdisziplinär zusammenarbeiten – immer tatkräftig unterstützt durch den Betroffenen.

Die multimodale, tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie beinhaltet folgende Elemente:

  • Counseling bzw. Beratung
  • Psychologische und psychosomatische Betreuung
  • Entspannungstechniken und Aufmerksamkeits-/Hörtraining
  • Falls erforderlich: technische Hilfsmittel

Counseling / Beratung

Die wichtigste Säule der Therapie ist die individuelle Beratung und Aufklärung (Counseling). Patientinnen und Patienten steht dieses Angebot während des gesamten Therapiezeitraums zur Verfügung. Aufgezeigt wird ihnen, welche Ursachen, Umstände und Verkettungen zu Tinnitus und gegebenenfalls seiner Verstärkung führen. Erst mit diesem Verständnis und Wissen können sie ihre eigene Situation neu bewerten, Ängste abbauen und den Leidensdruck verringern – also die Basis für weitere Maßnahmen legen.

Psychologische und psychosomatische Betreuung

Eine weitere Säule ist die psychologische Betreuung. Stress, innere Anspannung, verdeckte Konflikte, Partnerschaftsprobleme und depressive Verstimmungen sind häufig Begleiterscheinungen oder manchmal sogar ursächliche Gründe für den "Teufelskreis Tinnitus". Das psychologische Gespräch ermöglicht es, Zusammenhänge aufzudecken, stressverstärkende Gewohnheiten zu erkennen, geräuschbezogene Ängste zu identifizieren und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Darüber hinaus ist auch die Gruppenarbeit mit anderen Tinnitus-Patienten sehr hilfreich.

Entspannungsverfahren und Aufmerksamkeits-/Hörtraining

Integraler Bestandteil der Tinnitus-Therapie sind Entspannungstechniken. Sie helfen beim Stressmanagement und erleichtern die Auseinandersetzung mit der eigenen Situation: Die Patienten werden fit(ter) für die Belastungen des Alltags, die tinnitusverstärkenden, somatischen Anspannungskreisläufe nehmen ab und ihr Leben gewinnt wieder an Qualität.

Ein Aufmerksamkeits- und Hörtraining sensibilisiert sie für die Geräuschvielfalt unserer Umwelt und vermittelt Strategien für ein neues Hörverhalten, zum Beispiel in geräuschangereicherten Umgebungen. Indem die Betroffenen lernen, nicht weiter "nach innen zu hören", sondern sich wieder aufmerksam nach außen zu wenden, werden lästige Geräusche nicht beziehungsweise nicht mehr so stark und störend wahrgenommen.

Falls erforderlich: technische Hilfsmittel

Rauscher können helfen, Stille zu vermeiden, indem sie ein permanentes, leises Therapierauschen erzeugen. Dieses darf den Tinnitus jedoch nicht überdecken. Denn damit eine Gewöhnung (Habituation) an den Tinnitus erfolgreich stattfinden kann, muss dieser wahrnehmbar bleiben.