Füreinander da sein. Tinnitus macht einsam.

[Donnerstag 28.01.2021]

Beitrag von Dr. Kurt Anschütz, Geschäftsführer

Tinnitus macht einsam. Das Geräusch ist im Kopf, und kein Zweiter kann es hören. Der Tinnitus ist nicht immer gleich. Wenn Patienten darstellen wollen, wie er sie bedrängt, dann malen sie ihn als Kreischer, Säger und Hämmerer, als Pfeifton oder als Störer, der Tag und Nacht keine Ruhe gibt. Aber auch wenn er sich vorübergehend zurücknimmt, bleibt er unterschwellig dennoch da – ein Stressor noch in der Abwesenheit.

Es gibt kein Medikament. Bei chronisch gewordenem Tinnitus geht die therapeutische Bemühung dahin, dass der Patient allmählich mit dem Tinnitus zu leben lernt. Das erfordert Geduld und immer auch die Bereitschaft zur Überprüfung der Lebensverhältnisse. Zu ihrer Veränderung braucht es oft großen Mut.

Erfreulicherweise gelingt es vielen Patienten im Laufe der Zeit, den Tinnitus aus ihrer Wahrnehmung zurückzudrängen. Und wenn er dann plötzlich wieder da ist, dann ist er immer noch Stressor, aber nun doch auch Stimme: „Er mahnt mich. Du hast Dich wieder einmal übernommen“, berichten Patienten von ihrem inneren Dialog.

Der Stressreduktion kommt tatsächlich ganz besondere Bedeutung zu. Denn in Untersuchungen, die dank der Förderung durch die DÜRR-Stiftung in den letzten Jahren am Tinnituszentrum der Charité durchgeführt wurden, konnte ein wechselseitiger Zusammenhang von Tinnitus und Stress belegt werden.

Mit der Corona-Pandemie ist in diesem Jahr nun ein Stress aufgetreten, der uns alle überzieht. COVID 19 frisst sich in unser Leben ein und verstört uns durch „letzte Fragen“, die vor wenigen Monaten noch weit weg schienen: Fragen nach Verlässlichkeit und Zugehörigkeit, nach Sinn und Sterben. In der Adventszeit, in der wir uns seit alters auf Festtage und Gemeinschaftserlebnisse freuen, ist nun in Deutschland die „zweite Welle“ der Pandemie angekommen, und die gegenwärtigen „Fallzahlen“ beweisen vollends die Gewalt dieses Virus: „Es droht uns aus dem Ruder zu laufen“, ist zum Bild für den allgemeinen Eindruck der Hilflosigkeit geworden. Und trotz der anlaufenden Impfungen werden die meisten Menschen doch noch Monate warten müssen, bis auch sie geschützt sein werden.

Wenn globale Studien zeigen, dass die Pandemie bei Millionen Menschen quer durch alle Altersklassen zu Erschöpfungszuständen, zu Verlustängsten und zur Erfahrung von Einsamkeit geführt hat, dann manifestieren sich diese Belastungen gerade auch bei Tinnituspatienten. So hat eine europäisch-amerikanische Studie bereits im Herbst gezeigt, dass bei etwa 40 Prozent der mehr als 3.000 befragten Patienten der Tinnitus wesentlich störender erlebt wird. Dies war zu erwarten, denn Dauerstress macht nicht nur vulnerabler, sondern gleichzeitig sind gerade auch jene Entlastungen, die in der Tinnitustherapie als wesentlich angesehen werden, durch die Pandemie teilweise unmöglich geworden: Der Kontakt mit anderen Menschen ist stark reduziert, anregende Begegnungsorte wie Vereine, kulturelle Veranstaltungen, Restaurants und Sportgruppen sind geschlossen, durch die Arbeit im Homeoffice fällt der tägliche Kontakt mit den Kollegen seit Monaten schon aus. Viele Patienten klagen über zunehmende Einsamkeit und wachsende Angst und leiden darunter, dass die Empathie der Umwelt abnimmt, weil die meisten anderen Menschen nun durch ihre eigenen Probleme absorbiert sind. Die Pandemie trennt die Menschen voneinander, aber für Tinnitusbetroffene ist dies eine besondere Teufelsspirale: Denn wenn externen Anregungen wegfallen und die Außenbeziehungen brüchig werden, fällt es schwer, die Aufmerksamkeit weiterhin vom Tinnitus wegzulenken, der dadurch umso beherrschender auftreten kann. Das Virus infiziert nicht nur, sondern es greift auch die psychischen Abwehrkräfte an.

Weitere Untersuchungen werden zeigen, ob und wie sich bei Tinnituspatienten die Pandemie in der mittleren Dauer auswirken wird. Zu hoffen ist, dass mit der Wiederkehr einer „aufgeschlosseneren Welt“ auch die emotionale Belastung und der Leidensdruck durch den Stressor im Kopf und im Gemüt wieder abnehmen werden.

Abstand halten ist nach wie vor das Gebot der Stunde, gewiss. Aber wir sollten nie vergessen, wie wichtig es ist, gerade in diesen Zeiten füreinander da zu sein.

Dieser Beitrag ist erstmalig im Rahmen des Adventskalenders 2020 auf der Website der Heinz und Heide Dürr-Stiftung erschienen.